Archiv für den Monat: Juni 2017

Was macht ein gutes Kleidungsstück aus

Als ich meiner Kollegin I. letztens erzählte das ich mir mein T-Shirt selbst genäht hatte, stellte sie aufrichtig erstaunt fest, das ich ja richtig gut nähen kann. Das ging mir natürlich runter wie Öl. Im Verlauf des Geplauders meinte sie, das ich doch nebenbei für andere nähen könnte und war etwas irritiert, als ich das grundheraus ablehnte, weil es zu kompliziert sei. So richtig erklären konnte ich ihr das in dem Moment nicht, weil ich parallel zudem Gespräch mordswichtige Daten in den Computer hämmerte und absolut nicht in der Lage bin ein so komplexes Thema, mal eben aus dem Stehgreif zu erklären. Irgendwie geistert das Thema aber seit dem in meinem Kopf herum, auch weil ich mal wieder explizit mit der Nase darauf gestoßen wurde, wie wenig Bewusstsein für die Herstellung von Kleidung vorhanden ist. Das soll kein Vorwurf sein, wenn man ein T-Shirt für die berühmten 5 Euro kaufen kann, kann kein tiefgreifendes Bewusstsein für den eigentlichen Wert entstehen. Ich will mich jetzt nicht in einem langen Beitrag über die Bedingungen in der Textilindustrie auslassen, das ist weitgehend bekannt und darüber können andere sehr viel fundierter berichten, als ich kleiner Hobbynäher der auf dem Markt der Möglichkeiten einfach nichts passendes findet.

Um ein Kleidungsstück herzustellen in dem ich mich absolut wohlfühle braucht es im Grunde 3 Parameter die erfüllt sein müssen: gutes Material, der perfekte Schnitt und ein Design das zu mir passt.

Die drei Parameter gehören untrennbar zusammen und bedingen sich. Alles muss perfekt aufeinander abgestimmt sein damit man sich am Ende wohl fühlt.

Das mit dem Material und dem Design leuchtet im Grunde jedem ein. Egal wie schön das gute Stück aussieht, wenn ich den Stoff nicht anfassen mag, oder blödsinnig darin schwitze, der Stoff pillt und labberig wird, wird es wohl ungetragen den Kleiderschrank verstopfen und irgendwann entsorgt werden. Gefallen muss es natürlich auch. Wer zieht sich schon was an, in dem man total bescheuert aussieht. Kompliziert wird es bisweilen beim Schnitt hinsichtlich der Passform.

Um einen Schnitt zu erstellen bedarf es einer Vielzahl von Körpermaßen, Brustumfang, Taillenumfang, Hüftumfang, Rückenlänge und und und. Diese Maße sind immer sehr individuell und variieren von Mensch zu Mensch. Damit ich nun halbwegs passende Kleidung im Laden kaufen kann, gibt es als Richtwert die Konfektionsgrößen. Konfektionsgrößen werden mithilfe von Reihenmessungen ermittelt. Einfach erklärt, bedeutet das, das man ein möglichst große Gruppe von Menschen genau vermisst und dann für jeden Wert Durchschnittswerte in Abhängigkeit von den anderen Maßen ermittelt. Wenn also jemand einen Brustumfang von 88 cm hat, dann hat der Durchschnittsmensch auch einen Taillenumfang von 72 cm und weist einen Hüftumfang von 97 cm auf, wenn dann alle anderen Maße auch noch stimmen könnte es sein, das die Person perfekt in eine Größe 38 passt. Könnte, weil ein passender Schnitt nicht nur Maße, sondern auch noch die Körperform berücksichtigt.

Aber bleiben wir bei den Maßen. Ich für meinen Teil verteile meine Maße sehr großzügig über das Größenspektrum der deutschen Damen-Konfektionsgrößen. Von 32 bis 52 ist alles dabei, mit einer Konzentration der Maße im Bereich zwischen 42 und 48. Egal wie, ich pass da nicht rein.

Wenn ich jetzt die individuelle Körperform dazu nehme wird es richtig abenteuerlich. Habe ich grade schultern oder hängen sie eher nach unten, wie sieht der Hintern aus, flache oder eher starke Gesäßform. Bauch? Taille?

Wenn ich will das der Schnitt am Ende passt ist der Weg bisweilen lang und steinig.

Am Anfang steht der Schnitt. Genau genommen der Grundschnitt, aus dem ich dann alle weiteren Schnitte abwandeln kann. Den Schnitt erstelle ich aus meinen Körpermaßen.

Wenn der Grundschnitt fertig ist, nähe ich ein Probemodell aus billigem Baumwollnessel. An dem Modell, passe ich dann an. Wo zwickt und klemmt es, wo ist zu viel, wo zu wenig Stoff. Das übertrage ich auf den Schnittbogen. Dann nähe ich ein weiteres Modell und überprüfe ob es jetzt passt. Dabei wird viel probiert und es können schon mehrere Probestücke notwendig sein, bis es perfekt ist.

Passt der Grundschnitt, entwickle ich aus diesem den eigentlichen Schnitt. Also alle Teile, inkl. Taschen, Passen, Kragen, Bündchen, was auch immer. Damit nähe ich dann ein Probestück, das ich auch trage. Bei dem Probestück ist das Material in Dicke und Beschaffenheit dem Zielmodell recht nahe, aber nicht so hochwertig. Das Probestück teste ich dann auf Alltagstauglichkeit. Erst wenn nichts mehr klemmt, lohnt es sich auf richtig hochwertige Materialien zurückzugreifen.

Okay ich gebs zu. Ich bin ein Perfektionist, der unglücklicherweise nicht ins deutsche Konfektionsraster passt und gehe gern komplizierte Wege. Natürlich könnte ich einfach für irgend jemanden sagen wir mal ein T-Shirt nähen, wenn derjenige denn unbedingt ein Stoffdesign wünscht, was es im aktuellen Modeeinerlei der Konsumtempel nicht zu kaufen gibt. Ich mess die Referenzgröße Brustumfang, ermittle die Konfektionsgröße, wähle einen Schnitt der in etwa dem gewünschten Design entspricht und nähe das Shirt. Umsonst mach ich das natürlich nicht. Meine potentielle Kundin muss also Geld investieren:

Stoff ab ca. 12 Euro/m bei einem Langarmshirt, ca. 150 cm, macht Materialeinsatz Stoff ca. 18 Euro. Ich brauch Garn in der passenden Farbe. Eine Rolle gutes Garn, macht ca. 3,50 Euro. Zeiteinsatz 3 bis 4 Stunden für alles (nähen, Schnitt übertragen, Zuschnitt etc.) bei einem Stundenlohn von 9 Euro macht das insgesamt ca. 50 Euro für das Shirt.

Wenn es passt hab ich Schwein gehabt. Wenn nicht wird sie mir einen Vogel zeigen und das bei einem vergleichsweise einfachen Kleidungsstück.

Das also wäre meine Erklärung gewesen, warum ich ganz egoistisch nur für mich und meine Kinder nähe. Die Kinder passen Gott sei Dank ins Raster und ich hab einfach keine Wahl.

 

 

Anna es passt nicht!

Anna? Ja Anna! Na kennst Du denn die Heilige Anna nicht? Also echt!

Na gut. Schlaumeiern kann in Zeiten den Internets ja inzwischen jeder und so geb ich einfach zu, das ich nur eine schöne Überschrift für meinen Beitrag gesucht habe und über Hier zu Da gelangt bin und nun weiß, das die Heilige Anna, neben vielen anderen, die Schutzpatronin der Schneider und damit auch der Nähnerdinnen (schönes Wort ich weiß) ist.

Wäre ich katholisch wäre sie mit Sicherheit die Heilige, zu der ich in den letzten Jahren eine sehr sehr innige Beziehung aufgebaut hätte. Denn der Weg zum passenden Kleidungsstück war bis heute lang und steinig. Wenn ich nicht im Grunde so ein optimistischer Mensch wäre, gesegnet mit einer knurrigen  Sturheit, hätte ich sicher schon vor sehr langer Zeit aufgegeben, denn es wurde selten gut.

Die Sachen haben nie so recht gepasst, mal zu groß, mal zu klein, zu sackig, zu eng, … Kaufkleidung war keine Alternative. Ich habe mich von Größe zu Größe probiert und wenn ich das Gefühl hatte, jetzt klemmt nichts mehr, dann hat der Blick in den Spiegel gesagt: „Schön ist anders!“

Über allem stand immer die Frage: Warum passt mir nichts richtig und warum sehen die Sachen an mir meistens so Sch… aus.

Um diese Frage zu beantworten habe ich viel herumprobiert und gelesen.

Ich habe mich mit Figurtypen beschäftigt, mit der Gestaltung von Kleidern und natürlich mit Schnittkonstruktion und Schnittanpassung.

Mit Fertigschnitten konnte ich nicht wirklich viel anfangen, ich muss oft so tiefgreifend in den Schnitt eingreifen und so viel ändern, das am Ende nur Murks rausgekommen ist. Für einen Menschen, der mit Nullwissen gestartet ist, eine große Herausforderung. Aber immerhin ich habe viel gelernt. Langsam aber stetig wurde das Wissen größer, das nähtechnische Können ausgebaut, die Erleuchtungen kamen immer öfter und:

Tadaaaa! Es ist mir gelungen. Ich habe  es geschafft, mir einen Hosen- und einen Oberteil-Grundschnitt zu erstellen, der einfach nur passt. Verdammt bin ich glücklich.

Ich hab so viel genäht in den letzten Jahren. Immer mit der Vorfreude auf eine schönes Kleidungsstück in dem ich mich wohl fühlen werde, habe mir überlegt wie ich das schöne Stück in meinem Blog dann präsentieren kann und dann kam der Moment der Wahrheit und der ist mit dem Begriff „Ernüchterung“ nicht annähernd beschrieben. Ich war oft so neidisch, wenn ich auf dem MeMadeMittwoch-Blog gelesen habe und all die anderen in ihren gelungenen Kleidern gesehen habe. Klar die ein oder andere schrieb auch mal vom Misserfolg, aber im großen und ganzen waren die meisten doch fröhlich und hatten neuen Zuwachs im Kleiderschrank.

So jetzt werde ich mich als nächstes mit der Gestaltung von Kleidung auseinandersetzen und dann hoffe ich das ich zukünftig mehr Lust habe über alle meine genähten Sachen zu berichten.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.