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WKSA 2. Teil – Die Entscheidung

Seit Sonntag ist es mal wieder soweit. Das Linktool für den zweiten Teil des WeihnachtsKleidSewAlong ist wieder geöffnet und seit dem versammeln sich wieder jede Menge Freizeitschneidernde Damen unter dem Motto:

„Ich habe mich entschieden und sogar bereits Stoff“

Nach dem ich mich beim ersten Teil erst kurz vor Schluss entschieden habe, doch noch mit zu machen, bin ich diesmal tatsächlich etwas früher dran. Ich hatte ja die nicht ganz unbegründete Angst,  das ich bereits beim zweiten Treffen aus Zeitgründen kneifen könnte, aber wie das immer so ist: „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.“ Ich habe mir gleich nachdem ich den letzten Beitrag abgeschickt habe,  eine fette Angina eingefangen und darf jetzt im Bett liegen bleiben. Sohatte ich genug Zeit schon mal ausgiebig mein Projekt zu bedenken.

Mein durchaus sportlicher Plan sieht vor, das ich mir für Heilig Abend ein Kleid, für den       1. Weihnachtsfeiertag eine Hose/Blusen-Kombi und für den 2. Weihnachtsfeiertag eine Rock/Pullover-Kombi nähen werde.

Das Kleid

Für das Kleid hatte ich viele Ideen. Witziger Weise trag ich eigentlich keine Kleider, einfach weil man damit so schlecht Rad fahren kann und ich ohne mein Fahrrad hier nicht, bzw. nur sehr schlecht wegkomme. Schick find ich die trotzdem und ich träum schon lange von einem karierten roten Wollkleid. Gerade an Heilig Abend.

Das mit dem rotkarierten Wollstoff hat nicht so ganz geklappt, ist aber schon relativ nah dran. Da ich z.Z. stressbedingt ein bischen zum Stoff-frust-shoppen neige, muss ich aus dem Vorrat nähen, sonst komm ich nicht mehr in mein Nähzimmer. Die Regale sind voll, die Fußbodenfläche klein. Zur Auswahl standen ein grünkarierter und ein schwarz/magenta karierter Wollstoff. Mit dem grünkarierten kann ich mich im Moment noch nicht so recht anfreunden, drum wird’s der andere. Hürde Nr. 2, ich habe nur anderthalb Meter. Da mein Traumschnitt eigentlich feststand, ich aber unsicher war ob das gut geht, hab ich meine vier Varianten kurz skizziert.

Variante 1

Vom Schnitt gefiel mir eigentlich dieses Kleid am besten. Als Vorlage diente mir der Schnitt aus der Pramo 2/72 Abb. 16 (hier rechts im Bild)

Eigentlich wollte ich das Oberteil linken Bild übernehmen und den Rock mit den Falten an der Seite vom rechten Bild. Das sah dann aber ausgesprochen seltsam aus, weswegen ich dann doch das rechte Kleid in die engere Wahl genommen habe. Durch die Teilungsnähte im Vorderteil, wäre das dann allerdings mit den Karos eine ganz usselige Friemelei geworden. Bei anderthalb Meter Stoff, war mir das zu heikel. Die Falten so schön sie auch sind, fressen zuviel Stoff, deswegen viel es raus.

Variante 2

Analog Model linkes Foto, aus der Pramo 1/71 Abb. 34. Eigentlich mein absoluter Favorit, aber mit Karos konnte ich mir das irgendwie nicht vorstellen. Na vielleicht WKSA 2018, dann in unifarbenem Stoff. Hätt ich jetzt kaufen müssen und nur ein Stück Stoff kaufen  hat bei mir noch nie funktioniert.

Variante 3

Das war eigentlich mal die Grundidee für mein Weihnachtskleid, bevor ich mich durch meine alten Schnittmusterzeichnungen wühlte um ein schönes Beispiel für den letzten Beitrag zu finden. Aber irgendwie ist es mir zu kittelschürzelig/pippilangstrumpfig.

Variante 4 – Dit isset!

Irgendwie fand ich das Kleid nett, aber naja. Schön genug um in die engere Wahl zu kommen, aber eigentlich ein wenig zu unscheinbar. Es war dann aber das einzige das ich mir mit dem Stoff vorstellen konnte und bei dem ich nicht Blut und Wasser schwitzen würde, wenn ich versuche die Schnitteile auf dem Stoff unterzubringen. Das Gute, ich könnte es im Büro/Alltag tragen, falls ich denn mal zu Fuß zur Arbeit gehe. Bei Schnee oder so. Brauch ich nur noch schicke Stiefel.

Die Vorlage entstammt der Pramo 11/71 Modell 2-0075

Pramo 11/71 Modell 2-0075

Den Schnitt erstelle ich mir selbst aus einem bereits auf Herz und Nieren getesteten Grundschnitt. Ich habe einfach die Erfahrung gemacht, das Fertigschnitte selten bis nie passen und für Probemodelle fehlt mir die Zeit. Die mittige Teilungsnaht wird natürlich entfallen, das sieht mit den Karos nicht aus.

Die Hose und die Bluse

Am 1. Weihnachtsfeiertag muss, bzw. darf ich arbeiten. Ich habe seit einem Jahr einen wunderschönen Zweitjob in einem großen Berliner Theaterbetrieb im Bereich Kostüm. Die müssen natürlich auch Weihnachten ran und da ich Weihnachten nicht so wirklich viel abgewinnen kann, fand ich die Idee ganz nett, arbeiten zu gehen. Die Kollegin für die ich einspringe, und die nun zuhause den weihnachtlichen Gänsebraten feiern darf irgendwie auch.

Da ich mich schnell bewegen können muss, kommen nur Hosen in Betracht und da es immer sehr warm ist, wird es obenrum ein leichtes Baumwollblüschen. Da es im Anschluss noch ein gemeinsames Weihnachtskäffchen gibt, sollte es auch ein wenig festlich adrett sein.

Der Schnitt stand im Grunde von Anfang an fest. Ich hatte zwei Hosenschnitte zur Auswahl. Ebenfalls Pramo (Pramo Spezial von 1979). Ich habe beide bereits auf Backpapier übertragen und muss sie nur noch ausschneiden. Es wird das Modell Abb. 34. Die andere Hose ist mir etwas zu weit und hat am Bund an der Vorderseite eine gelegte Falte. Damit bin ich letztens auf die Nase gefallen und da hab ich grad keine Lust zu. Der Blusenschnitt entsteht wieder aus meinem perfekten Grundschnitt.

Das einzige Problem, ich kann mich nicht für den Hosenstoff entscheiden. Der Stoff für die Bluse steht schon ewig fest und brauchte nur noch den nötigen Schubs, damit er unter die Maschine darf, aber bei der Hose bin ich noch unschlüssig. Ich habe vier Varianten und hab mich noch nicht endgültig entschieden.

o.li: ein hellblauer Fischgrät Material unbekannt/ o. re: ein dunkelgrüner Wollstoff                u. li: ein schwarzer Stoff mit feinen Nadelstreifen, Material unbekannt/ u.re: ein sehr glatter Denim

Leider alles sehr schlecht zu sehen. Es bleibt spannend.

Die Rock/ Pullover – Kombi

Hier ist alles glasklar. Der Rock wird ein einfacher A-Linienförmiger Sattelrock. Einen getesteten Schnitt hab ich rumliegen (Model 5a aus „Nähen im japanischen Stil“ von Shufu To Seikatsu Sha; Haupt 2012). Für den Pullover und die Stoffbluse wird wie bisher der geliebte Grundschnitt manipuliert bis es passt.

Die Stoffe stehen auch fest:

Bluse aus einem sehr glatten graublauem Stoff mit Rautenmuster. Den Stoff habe ich von den Gebr. Berger in Berlin. Da der Stoff sehr glatt ist und etwas schimmert, vermute ich das es sich im günstigsten Fall um Viskose handelt.

Der Pullover wird aus grauem Wollwalk, aus 100% Schurwolle. Ich liebe diesen Stoff und hab ein klein wenig ein schlechtes Gewissen, denn alternativ hatte ich vor eine schicke Jacke für meinen Liebsten daraus zu nähen. Schwerer Gewissenskonflikt! Muss ich wohl doch noch mal auf Shopping-Tour. Aber erst mal nähen.

Der Rock, ebenfalls Wolle.

Ich wird mich dann mal an die Schnitte machen, ich habe noch zwei Tage Ruhe bevor es wieder los geht und wenn ich die Schnitte fertig hab, läuft das nähen fast von allein.

Was ich geschafft habe und ob ich überhaupt noch dabei bin, sehen wir ab Sonntag den 10.12.2017 „Wir sind neugierig und uns interessiert euer Zwischenstand“. Bis dahin wünsche ich allen Teilnehmerinnen ausreichend Nähzeit und wenig Stress und natürlich ein fettes Danke an die 3 Organisatorinnen.

 

Liebe Grüße

Rike

 

 

 

 

Wider die Vernunft – WKSA 2017

Jedes Jahr will ich so gern ein schickes Weihnachtskleid nähen und jedes Jahr kommt mir dann blöderweise Weihnachten dazwischen.

Der Jahresendspurt ist jedes Jahr stressig und genaugenommen DER GRUND, warum ich Weihnachten nicht nur fürchte sondern regelrecht hasse. Dieses hetzen von Termin zu Termin, das noch schaffen müssen von irgendwelchem Quatsch, das Bedenken und besorgen der Geschenke … .

In diesem Jahr gibt’s noch mal zwei Schippen oben drauf, denn nun bin ich auch noch so richtig echt berufstätig. Also hatte ich beschlossen, das ich den WKSA auch in diesem Jahr ausfallen lasse. Hab ja eh wirklich gar keine Zeit. Überhaupt nicht! Die Vernunft in mir hat gesagt: „Ist jetzt so und Schluss!“ und ich hab´s eingesehen und es war okay.  Bis…

Ja bis, die Ankündigung des WKSA kam. Da kam plötzlich so ein klitzekleines bischen Trauer in mir auf. Aber ey, es geht nicht. Echt! Da ist kein fitzelchen Zeit zum nähen und zum bloggen gleich gar nicht.

Naja und dann kamen die ersten Beiträge. Lesen, so ein bischen wenigstens, darf man ja trotzdem … dafür war noch Zeit, so kurz vor dem einschlafen. Irgendwie wurde dabei aus dem bischen Trauer eine Mischung aus Trotz und Hoffnung, gepaart mit Wahnsinn. Je nach Tageszeit, war mal die eine Stimme in mir lauter, dann mal die andere.

Vorgestern fand ich mich im Nähzimmer wieder, in alten Schnittmustern wühlend, denn eigentlich wollte ich nur nach einem Foto suchen. So als Beispiel für ein Kleid, das mir eventuell für ein Weihnachtskleid im Kopf herumschwirrte. Am Ende lag eine Liste vor mir mit Schnittideen und Projekten die mich locker bis zum WKSA 2018 beschäftigen.

Die Stimme der Vernunft in mir brüllte: „Wenn Du jetzt schon so anfängst! Du spinnst doch total! Du bist doch  jetzt schon irre, was soll das erst in einem Monat werden?!.“

Okay, okay ich lass das. Menno! Für einen Tag hatte die Vernunft gesiegt.

Heute nun lag ich kurz auf dem Sofa und da viel mir siedend heiß ein, das ich ja drei offizielle Weihnachtstermine habe, zu denen ich echt absolut nichts anzuziehen habe.

Da war die Vernunft erst mal sprachlos und das nutz ich jetzt aus.

Der Plan!

Wie gesagt, drei Termine stehen an:

A) Heilig Abend mit Kirchgang

B) Erster Weihnachtsfeiertag, an dem ich in meinem Zweitjob arbeiten darf und an dem neben der Arbeit noch ein Weihnachtskäffchen im Kreise der Kollegen ansteht.

C) Die familiäre Schlacht um die Gänsekeulen am zweiten Weihnachtsfeiertag.

Was hab ich mir überlegt?

Für A) träume ich schon lang von einem rotkariertem Wollkleid, so in etwa diesem Stil aber mit Ärmeln:

Pramo 4/70

beim durchblättern der alten Pramos kamen aber auch noch diverse andere Kleider ins Spiel:

Pramo 1/71 Abb. 34
Pramo 12/72 Abb.12 und Abb.13
Pramo 2/72 Abb. 16
Pramo 11/71 Modell 2-0075
Pramo 7/71 Abb. 5

Man sieht: In alten Schnittmusterzeitschriften wühlen ist schön, aber es erleichtert die Entscheidungen nicht wirklich.

Für den Zweiten Termin brauche ich als niemals Rock-/Kleidträger was hosiges, da ich bei allem Weihnachtskaffeeklatsch eigentlich zum arbeiten da bin und mich gut bewegen können sollte.

Da ich Hosen gern und viel nähe, aber ich  noch immer nicht den perfekten Schnitt gefunden habe, probiere ich mal wieder was ganz neues. (Höhö, der Irrsinn lässt grüßen. Die Vernunft in mir sagt grad: „Das geht garantiert schief!“).

Pramo Spezial 1979 Abb.34

oder:

Pramo Spezial 1979 Abb 21

Für den letzten Termin näh ich mir einen schönen Rock und ein nettes Oberteil nach eigenen Schnitten. Dazu aber irgendwann mehr. Und eigentlich brauch ich noch eine schicke Jacke….. .

So jetzt aber ab zum WeihnachtsKleidSewAlong des MeMadeMittwoch. Da findet nämlich schon seit Sonntag das erste Treffen zum Thema „Wir haben so viele Ideen“ statt.

Ja die hab ich und ich. Ein ganz fettes DANKE den Organisatorinnen  Katharina/sewing addicted, Nina/Kleidermanie und Claudia/bunte kleider für die Zeit und die Mühe, die Ihr Drei uns Nähverrückten opfert.

Ach ja und falls die Vernunft in mir wieder erwacht, hab ich auch gleich die beste Ausrede der Welt. Nähabstinenz führt bei mir immer zu Frustabbaubelohnugskäufen von Stoff und wenn ich noch länger nur träume, komm ich demnächst nicht mehr durch die Tür des Nähzimmers und das wolln wa doch nich. Oder? Da baun wa doch lieber den bereits entstandenen Stau etwas ab und wenn se Recht hat, die olle Vanunft, na dann darf se och sagen: „Siehste hab ick Dir doch gleich jesacht.“

Wobei, ich glaub die Vernunft spricht hochdeutsch.

In diesem Sinne eine Frohe Vorweihnachtszeit. Ab Sonntag geht’s mit dem WKSA weiter mit dem zweiten Termin: „Ich habe mich entschieden und sogar bereits Stoff“.

Den hab ich, aber sowas von.

Rike

 

 

 

 

 

Was macht ein gutes Kleidungsstück aus

Als ich meiner Kollegin I. letztens erzählte das ich mir mein T-Shirt selbst genäht hatte, stellte sie aufrichtig erstaunt fest, das ich ja richtig gut nähen kann. Das ging mir natürlich runter wie Öl. Im Verlauf des Geplauders meinte sie, das ich doch nebenbei für andere nähen könnte und war etwas irritiert, als ich das grundheraus ablehnte, weil es zu kompliziert sei. So richtig erklären konnte ich ihr das in dem Moment nicht, weil ich parallel zudem Gespräch mordswichtige Daten in den Computer hämmerte und absolut nicht in der Lage bin ein so komplexes Thema, mal eben aus dem Stehgreif zu erklären. Irgendwie geistert das Thema aber seit dem in meinem Kopf herum, auch weil ich mal wieder explizit mit der Nase darauf gestoßen wurde, wie wenig Bewusstsein für die Herstellung von Kleidung vorhanden ist. Das soll kein Vorwurf sein, wenn man ein T-Shirt für die berühmten 5 Euro kaufen kann, kann kein tiefgreifendes Bewusstsein für den eigentlichen Wert entstehen. Ich will mich jetzt nicht in einem langen Beitrag über die Bedingungen in der Textilindustrie auslassen, das ist weitgehend bekannt und darüber können andere sehr viel fundierter berichten, als ich kleiner Hobbynäher der auf dem Markt der Möglichkeiten einfach nichts passendes findet.

Um ein Kleidungsstück herzustellen in dem ich mich absolut wohlfühle braucht es im Grunde 3 Parameter die erfüllt sein müssen: gutes Material, der perfekte Schnitt und ein Design das zu mir passt.

Die drei Parameter gehören untrennbar zusammen und bedingen sich. Alles muss perfekt aufeinander abgestimmt sein damit man sich am Ende wohl fühlt.

Das mit dem Material und dem Design leuchtet im Grunde jedem ein. Egal wie schön das gute Stück aussieht, wenn ich den Stoff nicht anfassen mag, oder blödsinnig darin schwitze, der Stoff pillt und labberig wird, wird es wohl ungetragen den Kleiderschrank verstopfen und irgendwann entsorgt werden. Gefallen muss es natürlich auch. Wer zieht sich schon was an, in dem man total bescheuert aussieht. Kompliziert wird es bisweilen beim Schnitt hinsichtlich der Passform.

Um einen Schnitt zu erstellen bedarf es einer Vielzahl von Körpermaßen, Brustumfang, Taillenumfang, Hüftumfang, Rückenlänge und und und. Diese Maße sind immer sehr individuell und variieren von Mensch zu Mensch. Damit ich nun halbwegs passende Kleidung im Laden kaufen kann, gibt es als Richtwert die Konfektionsgrößen. Konfektionsgrößen werden mithilfe von Reihenmessungen ermittelt. Einfach erklärt, bedeutet das, das man ein möglichst große Gruppe von Menschen genau vermisst und dann für jeden Wert Durchschnittswerte in Abhängigkeit von den anderen Maßen ermittelt. Wenn also jemand einen Brustumfang von 88 cm hat, dann hat der Durchschnittsmensch auch einen Taillenumfang von 72 cm und weist einen Hüftumfang von 97 cm auf, wenn dann alle anderen Maße auch noch stimmen könnte es sein, das die Person perfekt in eine Größe 38 passt. Könnte, weil ein passender Schnitt nicht nur Maße, sondern auch noch die Körperform berücksichtigt.

Aber bleiben wir bei den Maßen. Ich für meinen Teil verteile meine Maße sehr großzügig über das Größenspektrum der deutschen Damen-Konfektionsgrößen. Von 32 bis 52 ist alles dabei, mit einer Konzentration der Maße im Bereich zwischen 42 und 48. Egal wie, ich pass da nicht rein.

Wenn ich jetzt die individuelle Körperform dazu nehme wird es richtig abenteuerlich. Habe ich grade schultern oder hängen sie eher nach unten, wie sieht der Hintern aus, flache oder eher starke Gesäßform. Bauch? Taille?

Wenn ich will das der Schnitt am Ende passt ist der Weg bisweilen lang und steinig.

Am Anfang steht der Schnitt. Genau genommen der Grundschnitt, aus dem ich dann alle weiteren Schnitte abwandeln kann. Den Schnitt erstelle ich aus meinen Körpermaßen.

Wenn der Grundschnitt fertig ist, nähe ich ein Probemodell aus billigem Baumwollnessel. An dem Modell, passe ich dann an. Wo zwickt und klemmt es, wo ist zu viel, wo zu wenig Stoff. Das übertrage ich auf den Schnittbogen. Dann nähe ich ein weiteres Modell und überprüfe ob es jetzt passt. Dabei wird viel probiert und es können schon mehrere Probestücke notwendig sein, bis es perfekt ist.

Passt der Grundschnitt, entwickle ich aus diesem den eigentlichen Schnitt. Also alle Teile, inkl. Taschen, Passen, Kragen, Bündchen, was auch immer. Damit nähe ich dann ein Probestück, das ich auch trage. Bei dem Probestück ist das Material in Dicke und Beschaffenheit dem Zielmodell recht nahe, aber nicht so hochwertig. Das Probestück teste ich dann auf Alltagstauglichkeit. Erst wenn nichts mehr klemmt, lohnt es sich auf richtig hochwertige Materialien zurückzugreifen.

Okay ich gebs zu. Ich bin ein Perfektionist, der unglücklicherweise nicht ins deutsche Konfektionsraster passt und gehe gern komplizierte Wege. Natürlich könnte ich einfach für irgend jemanden sagen wir mal ein T-Shirt nähen, wenn derjenige denn unbedingt ein Stoffdesign wünscht, was es im aktuellen Modeeinerlei der Konsumtempel nicht zu kaufen gibt. Ich mess die Referenzgröße Brustumfang, ermittle die Konfektionsgröße, wähle einen Schnitt der in etwa dem gewünschten Design entspricht und nähe das Shirt. Umsonst mach ich das natürlich nicht. Meine potentielle Kundin muss also Geld investieren:

Stoff ab ca. 12 Euro/m bei einem Langarmshirt, ca. 150 cm, macht Materialeinsatz Stoff ca. 18 Euro. Ich brauch Garn in der passenden Farbe. Eine Rolle gutes Garn, macht ca. 3,50 Euro. Zeiteinsatz 3 bis 4 Stunden für alles (nähen, Schnitt übertragen, Zuschnitt etc.) bei einem Stundenlohn von 9 Euro macht das insgesamt ca. 50 Euro für das Shirt.

Wenn es passt hab ich Schwein gehabt. Wenn nicht wird sie mir einen Vogel zeigen und das bei einem vergleichsweise einfachen Kleidungsstück.

Das also wäre meine Erklärung gewesen, warum ich ganz egoistisch nur für mich und meine Kinder nähe. Die Kinder passen Gott sei Dank ins Raster und ich hab einfach keine Wahl.

 

 

Anna es passt nicht!

Anna? Ja Anna! Na kennst Du denn die Heilige Anna nicht? Also echt!

Na gut. Schlaumeiern kann in Zeiten den Internets ja inzwischen jeder und so geb ich einfach zu, das ich nur eine schöne Überschrift für meinen Beitrag gesucht habe und über Hier zu Da gelangt bin und nun weiß, das die Heilige Anna, neben vielen anderen, die Schutzpatronin der Schneider und damit auch der Nähnerdinnen (schönes Wort ich weiß) ist.

Wäre ich katholisch wäre sie mit Sicherheit die Heilige, zu der ich in den letzten Jahren eine sehr sehr innige Beziehung aufgebaut hätte. Denn der Weg zum passenden Kleidungsstück war bis heute lang und steinig. Wenn ich nicht im Grunde so ein optimistischer Mensch wäre, gesegnet mit einer knurrigen  Sturheit, hätte ich sicher schon vor sehr langer Zeit aufgegeben, denn es wurde selten gut.

Die Sachen haben nie so recht gepasst, mal zu groß, mal zu klein, zu sackig, zu eng, … Kaufkleidung war keine Alternative. Ich habe mich von Größe zu Größe probiert und wenn ich das Gefühl hatte, jetzt klemmt nichts mehr, dann hat der Blick in den Spiegel gesagt: „Schön ist anders!“

Über allem stand immer die Frage: Warum passt mir nichts richtig und warum sehen die Sachen an mir meistens so Sch… aus.

Um diese Frage zu beantworten habe ich viel herumprobiert und gelesen.

Ich habe mich mit Figurtypen beschäftigt, mit der Gestaltung von Kleidern und natürlich mit Schnittkonstruktion und Schnittanpassung.

Mit Fertigschnitten konnte ich nicht wirklich viel anfangen, ich muss oft so tiefgreifend in den Schnitt eingreifen und so viel ändern, das am Ende nur Murks rausgekommen ist. Für einen Menschen, der mit Nullwissen gestartet ist, eine große Herausforderung. Aber immerhin ich habe viel gelernt. Langsam aber stetig wurde das Wissen größer, das nähtechnische Können ausgebaut, die Erleuchtungen kamen immer öfter und:

Tadaaaa! Es ist mir gelungen. Ich habe  es geschafft, mir einen Hosen- und einen Oberteil-Grundschnitt zu erstellen, der einfach nur passt. Verdammt bin ich glücklich.

Ich hab so viel genäht in den letzten Jahren. Immer mit der Vorfreude auf eine schönes Kleidungsstück in dem ich mich wohl fühlen werde, habe mir überlegt wie ich das schöne Stück in meinem Blog dann präsentieren kann und dann kam der Moment der Wahrheit und der ist mit dem Begriff „Ernüchterung“ nicht annähernd beschrieben. Ich war oft so neidisch, wenn ich auf dem MeMadeMittwoch-Blog gelesen habe und all die anderen in ihren gelungenen Kleidern gesehen habe. Klar die ein oder andere schrieb auch mal vom Misserfolg, aber im großen und ganzen waren die meisten doch fröhlich und hatten neuen Zuwachs im Kleiderschrank.

So jetzt werde ich mich als nächstes mit der Gestaltung von Kleidung auseinandersetzen und dann hoffe ich das ich zukünftig mehr Lust habe über alle meine genähten Sachen zu berichten.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Abseits der üblichen Wege

Wer läuft schon gern auf hartgetrampelten Pfaden, wenn er auch barfuß über grünes Gras hüpfen kann. So in etwa würde ich mein momentanes Lebensgefühl beschreiben. Vor kurzem noch, hätte ich lieber auf altbewährtes zurückgegriffen als vom Weg abzuweichen.

Hätte mir jemand gesagt, das ich mir ein T-Shirt aus gemustertem Stoff nähen würde, hätte ich demjenigen beruhigend über den Kopf getätschelt und mich im stillen gefragt was dem wohl aufs Haupt gestürzt ist. Ist mir gemustert doch viel zu auffällig und Shirts aus Jersey nähen…. ? Ich doch nicht.

Was mir jetzt genau aufs Haupt gestürzt ist weiss ich nicht. Nur eins ist sicher, irgendwie hab ich grad Lust auf neues, weniger graues, buntes und das gepaart mit ungekannter Experimentierfreude. Überraschend gelöst, mein Shirtdilemma im Kleiderschrank.

Vor zwei Wochen bekam ich plötzlich Lust UFO´s abzuarbeiten. Kinderhosen bekamen den noch fehlenden Gummizug, Kaputtes wurde geflickt, eine Hose die schon ewig lag bekam endlich den passenden Bund und Angststoffberg Nr. 1 rückte ins Visier.

Ich bin Stoffadipös und damit der perfekte Patient für die gerade umgehende Stoffdiät. Ich glaub noch lieber als Stoffe verarbeiten gehe ich Stoffe kaufen. Mein Nähzimmer ist klein, das Regal ist voll, die Kisten unter dem Nähtisch auch und inzwischen stapeln sich die Stoffe in allen erdenklichen Ecken, so auch ein hoher Turm gestapelter Jerseystoffe, die ich eigentlich zum Teil mal zu Hosen für mein kleines Kind verarbeiten wollte. Das kleine Kind trägt inzwischen auch Jeans und nun lag er da und das mir. Ich allein mit meiner Jerseyphobie und der heißgeliebten Husqvarna Haushaltsnähmaschine. Nix Overlock! Elastikstich sonst nichts.

Besonders angelacht hat mich ein Stoff, der eigentlich so gar nicht meins ist. Dunkel wollte ich doch nicht mehr haben und gemustert!?! schon gar nicht.

Aber irgendwie fand ich ihn dann doch schön und da ich grad in Experimentierlaune war und für den Stoff sonst keine Verwendung hatte, musste er dran glauben.

Dran glauben musste auch der Schnitt. Ich habe mich für einen bereits erprobten Schnitt entschieden und zwar für das Model 132A aus der Burda 9/2015. Zum ersten mal genäht hatte ich das gute Stück im Rahmen des „brotundbutter-sewalongs“ von „Siebenhundertsachen“. Es war so lala-okay. Nix dolles, aber durchaus tragbar. Ich fand es aber damals schon zu lang und da ich nur einen Meter Stoff auf dem Tisch hatte, wurde gekürzt und geändert was das Zeug hält. Kurz vor Mitternacht stand ich dann vor dem Spiegel und war begeistert. Hey das sah ja richtig gut aus!

Am nächsten Tag musste der nächste Stoff dran glauben. Sweatstoff mit Sternchen.

Streifen fand ich ja schon immer toll! Stoffstück war nur 90 cm lang. Ärmel nochmals gekürzt. Der Sommer kann kommen.

Quergestreift macht dick. Verdammt! Ich hatte doch noch….. und wenn ich eine Strickjacke überziehe, dann geht das doch, da könnte man doch….

Hmmmm?!? Naja. Streifen sind wohl nicht so ganz meins. Aber trotzdem okay.

Abgesehen vom Stoffexperiment, habe ich auch am Schnitt munter geändert. Ich habe die Schultern abgesenkt, die Ärmel gekürzt, den unteren Saum um 12 cm zurückgeschnitten (jetzt ist es perfekt) und den Rücken eingekürzt. Meine Rückenlänge weicht um 6 cm von den gängigen Konfektionsmaßen ab. Das ist heftig viel. Laut meinem alten Nähbuch von Burda werden diese cm  (im Buch ohne genaue Angabe) auf Höhe der Ärmelkugel herausgenommen. Da  ich 6 cm sehr abenteuerlich fand, habe ich  mich Stückweise vorgetastet. Shirt Nr. 1 fehlen 2 cm am Rücken. Am Sternenshirt, habe ich mich dann auf 4 cm gesteigert. Da das Shirt am Ärmel etwas strammer sitzt, habe ich das ganze dann noch mal am Streifenkurzarmshirt getestet und für gut befunden. Bei dem Farbmix-Shirt bin ich dann doch wieder auf 2 cm zurückgegangen (sitzt gleich unwesentlich schlechter). Hier habe ich dann zusätzlich noch den Abnäher in die „Prinzessnähte“ verlegt.

Fazit:

  • 4 Meter Jersey sind vernäht, der Stapel ist deutlich geschrumpft.
  • mein Kleiderschrank hätte 4 neue Bewohner, wenn diese nicht gerade auf der Leine hängen würden, ich vermute so richtig einziehen werden sie da nie….
  • Jersey vernähen ist gar nicht so furchtbar
  • Zur Belohnung darf ich mir jetzt 2 Meter Stoff kaufen und die Overlockspardose bekommt 20 Euro gutgeschrieben.
  • Musterstoffe vernähe ich ab jetzt wohl öfter.

Verlinkt beim MeMadeMittwoch.